Stell dir vor…

Stell dir vor, du bist Fußballspieler (geht natürlich auch mit anderen Sportarten).
Zu Beginn der Saison bringst du deine Leistung und bist ein wichtiger Teil der Mannschaft. Du trägst wesentlich dazu bei, dass ihr nach den ersten Spielen ganz oben mitspielt. Überhaupt läuft es für dich recht gut. Du fühlst dich so fit wie nie zuvor und die Mannschaft macht dir echt Spaß.
Mitten in der Saison verletzt sich dein bester Freund und Mannschaftskollegen bei einem Motorradunfall schwer. Vielleicht kommt er wieder auf die Beine. Fussball ist für ihn aber erstmal gestorben.
Uff, das ist hart. Das Training macht für dich ohne ihn irgendwie nur noch halb so viel Spaß. Aber du hast dem Trainer dein Wort gegeben und stehst auch dazu! Also hängst du dich weiter rein. In der Winterpause gehst du nur ein paar mal laufen. Als das Training im Januar wieder anläuft, bringst du ein paar Kilo mehr auf die Waage. Das ist aber für dich normal. So sehen die Weihnachtsfeiertage immer aus. Und du wirst es genauso machen wie in den letzten Jahren und, wie immer, einfach etwas mehr trainieren. Diesmal allerdings ohne deinen Freund. “Macht nix, wird schon!”, denkst du dir.
Du hast ja sogar noch etwas mehr Zeit. Immerhin kam eben die Nachricht vom Trainer, dass euer erstes Spiel verlegt wird, weil der Platz noch nicht bespielbar ist.

Am kommenden Sonntag wäre das Spiel gewesen. Findet aber nicht statt. Und du willst mal wieder den Kopf frei bekommen. Also Triffst du dich mit ein paar Kollegen am Samstag Abend in einer Kneipe. Der Abend verläuft ganz nett und auch deiner Leidenschaft, dem Fastfood, konntest du nachgehen. Weil es spät wird, übernachtest du bei einem Kollegen.
Dann weckt dich dein Handy. Es ist dein Trainer. Er fragt wo du bist. Immerhin habe er gestern Abend eine Nachricht rumgeschickt, dass das Spiel wahrscheinlich doch stattfinden kann. Völlig in Panik legst du auf und siehst  in der WhatsApp-Gruppe 26 neue Nachrichten.
Du guckst auf die Uhr und siehst, dass du es nie rechtzeitig nach Hause schaffen würdest, um deine Sportsachen zu holen und dann zum Spiel. Dein Kollege hilft aber und leiht dir seine Fußballschuhe und Schienbeinschoner. Dann geht’s schnell los. Gerade rechtzeitig zum Warmlaufen bist du umgezogen auf dem Platz. “Ist ja nochmal gut gegangen”, schimpft dein Trainer. “Ich wollte dich gerade aus dem Kader streichen.”

Leider sind die Schuhe deines Kollegen eine Nummer zu klein. Und gefrühstückt hast du auch nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass du noch etwas Restalkohol in dir haben dürftest. Dementsprechend läuft auch dein Spiel. Du gibst dir echt Mühe. Aber die engen Schuhe und der knurrende Magen sorgen dafür, dass du nicht deine gewohnte Leistung bringen kannst.
Nach und nach werden die Zuschauer laut. Sie pöbeln bei fast jeder deiner Aktionen. In der Halbzeitpause fragst du dich, woher diese Aggressionen kommen. Sonst bist du doch einer der Top-Leistungsträger. Und jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Wenn du deine Schuhe hättest und man dich eine halbe Stunde früher angerufen hätte, wäre es definitiv anders gelaufen!
Deine Stimmung ist schlecht. Du bist mit deiner eigenen Leistung mehr als unzufrieden, ärgerst dich aber vor allem über die Zuschauer, die immer lauter werden. So kommt es auch, dass du im Laufe der zweiten Halbzeit unter Buhrufen und Pfiffen ausgewechselt wirst. 

Auch die nächsten Wochen sehen nicht viel anders aus. Irgendwie haben die Zuschauer dich zum Ziel ihrer Pöbeleien erklärt. Das nagt an dir. Fußball hat dir mal Spaß gemacht. Jetzt fährst du nur noch zum Spiel, weil du es dem Trainer und der Mannschaft versprochen hast. Aber wenn man jedes Wochenende angepöbelt wird, macht man es nicht mehr gerne und mit vollem Herzblut. Die Leistung entwickelt sich entsprechend nach unten. Mittlerweile stehst du nicht mal mehr in der Startaufstellung.

Zum Ende der Saison erklärt dir der Trainer, dass er dich unter den Umständen nicht gebrauchen kann. Du fängst also an mit dem Gedanken zu spielen, deine Fussball-Karriere komplett an den Nagel zu hängen. Deine Unentschlossenheit zieht sich über Wochen und Monate bis du letztendlich so sehr raus bist, dass dich maximal noch eine Feierabend-Mannschaft nehmen würde.


Vielleicht hilft die Geschichte mal ein wenig verständlich zu machen, wie es im Leben eines Depressiven aussehen kann. Natürlich ist der Fußball nur als Metapher zu sehen.

Auch hier gibt es ein Ereignis, welches von dem Betroffenen nicht verschuldet war (der Unfall des Freundes) und das die Abwärtsspirale in Gang setzte. Die Buhrufe der Zuschauer stehen sinnbildlich für das Erleben der Umwelt durch einen Depressiven. Seine Wahrnehmung kann sich zu einem reinen Schwarzsehen entwickeln. Und auch der Rausschmiss aus der Mannschaft steht hier für einen Verlauf den eine Depression durchaus nehmen kann. Suizidgedanken sind eines der häufigen Symptome. Dazu kommen noch viele weitere, die ich hier nicht aufzählen kann. Eine Depression entwickelt sich auch bei jedem Betroffenen unterschiedlich. Meistens lässt sich aber sagen, dass der Depressive Hilfe benötigt um die Abwärtsspirale umzukehren und nicht weiter hinein zu rutschen.

Ich hoffe dass der Beitrag eine kleine Vorstellung für diejenigen verschafft, die selber noch nie mit einer Depression zu kämpfen hatten und wünsche ihnen, dass sie es auch nie haben. Einem Betroffenen kann es aber helfen, wenn sein Umfeld seine Situation etwas besser versteht.


P.S.:
Falls jemand akut Hilfe benötigt, gibt es die telefonische Seelsorge.

In Deutschland:
Per Telefon 0800 / 111 0 111 , 0800 / 111 0 222 oder 116 123 per Mail und Chat unter
online.telefonseelsorge.de

In Österreich:
Die TelefonSeelsorge in Österreich ist rund um die Uhr unter der Notrufnummer 142 zu erreichen.
www.telefonseelsorge.at

In der Schweiz:
Die TelefonSeelsorge „Die Dargebotene Hand“ ist in der Schweiz rund um die Uhr unter der Nummer 143 zu erreichen.
www.143.ch